»ZINNOBER« von Thomas Ballhausen

Fr., 1. Juli 2016

Ein Text zu »Glorious Weirdness of Art & Cosmic: Live / 2. Beispiel«

Thomas Ballhausen liest ERRATA. Die Gäste wurden von Jack Hauser für dieses 2. Beispiel eingeladen, sich diesmal ganz dem körperlichen Übergang zwischen Wachen, Träumen und Schlafen hinzugeben. Wer die Hand hob, bekam ERRATA ganz nah am Ohr gelesen.








Foto: Felix Kaya

»Mit dem Nichts an Geheimnis, unerläßlich, das, auch ausgedrückt, ein wenig bleibt.«
Stéphane Mallarmé: Das Buch betreffend


Dieser Raum ist ein Schiff, er fällt, sinkt, stromert.

Dieser Raum, abseits der üblichen Zeiten, gleitet entlang meiner Stimme.

Durch die Fenster dringt graues Leuchten, im Halbdunkel vor mir die Träumenden,
unserer Ankunft entgegenschlafend.

Ich presse ein Ohr gegen die kühle Bordwand, lausche nach der verborgenen
Maschine, dem Geräusch des eingedrungenen Wassers.

Vorerst sind wir entkommen, noch hält die Struktur.

An den Ufern steht die Schrift der Hochstände geschrieben, Spuren anderer Art, eine
nachgedunkelte Welt. Im Verlassenen enden alle herkömmlichen Vorstellungen.

Auf Zeichen achtend eile ich zwischen den Reisenden umher, schlaflos, unruhig,
still wie der Verlauf unserer Route, gesäumt von geduldigen Reusen und Netzen.

Diese Nacht dauert schon sehr lange, der Morgen bricht seit Jahren an und hört nicht
auf damit, alles andere als gewöhnlich.

Wo sich die Ordnung zurückzieht, tauschen wir Funktionen gegen Möglichkeiten ein.

Schlafen, träumen, sich Fragen stellen. Erst sein, dann nicht sein, es wird nicht mehr
viel komplizierter werden.

Die Zyklen werden kürzer, das angesteuerte Brachland am Rande der Stadt ein
weiterer Beweis dafür.

Doch bis es soweit ist lasse ich mich neben Einzelnen nieder, lese, treibe das Schiff
murmelnd weiter, versuche nicht an das zu denken, was davor kam.

Ich bin der einzig Wache unter ihnen, in meine Bezeichnung sind Aufgaben
eingeschrieben. Draußen ziehen die Flussufer vorüber.

Der Raum organisiert die Fremde um. Die Körper verändern sich, so, wie sie da liegen.

Ich ziehe meine Runde, prüfend.

Dieses Gesicht scheint mir schöner als zuvor, jenes nachdenklicher. Beobachtungen
spinne ich ein, lege ich ab, gelegentlich laufe ich die Wand entlang.

Wer sie sind, wenn sie da wie alte Götter ausruhen, nur kurz hochfahren, nach Worten
verlangen. Oftmals komme ich flüsternd an kein Ende.

Meine Sinne und Beine beieinander haben. Niemand sieht mich kommen, immer nur
gehen, ganz Nachtschwester in falscher Montur.

Wir sind völlig anders, wenn wir schlafen, wir sind wie fremd.

Ja, Bewegungen sind erlaubt, doch behutsame nur. Ich rede mir dann ein, sie wären
auch leiser. Ich erlaube mir kein Rascheln.

So sitzend bin ich zu einer Zärtlichkeit gezwungen, die mir neu ist, die ich an mir nicht
kannte.

Ausgebreitet treten unwillkürliche Lücken in ihren Harnischen hervor. Was
hervorsticht, sich entblättert, ist Leere, schmerzhaft anzusehen und auszuschlagen.

Wir bewegen uns von Raum zu Raum, die angestrebte Verlassenheit garantiert wieder
etwas wie Vielfalt.

In diesen Situationen soll ich immer zweifeln, an die veralteten Richtlinien für den
korrekten Umgang denken. Ich darf das nicht mehr vergessen.

Aufstehen, sich strecken, Ausschau halten. Eine Kleinigkeit, mehr ist es oft nicht.

Ich lese sie wieder in den Schlaf, aufmerksam modulierend, den aufgetragenen Text
flüsternd, manchmal fast schon unhörbar.

Ich lese sie wieder in den Schlaf, bis wir an diesem Ufer stranden werden, nackt und
auf Wäscherinnen hoffend.

Ich lese sie also wieder in den Schlaf, beruhige Schiff und Passagiere, ganz wie es mir
aufgetragen ist.

Ist das wirklich eine Hand, die sich mir entgegenstreckt, ist dieser Blick ein Irrtum
oder bloß mein Wunsch. Habe ich mich verlesen.

Die Grenze ist oftmals wesentlicher als die unterschiedlichsten Gegenden, die sie trennt.

Markierungen, auch hier, entlang dieses schutzlosen Atmens.

Bin ich aber noch so einwandfrei wie gedacht, habe ich es nicht zu kleinen
Übertretungen kommen lassen, zu Nachlässigkeiten, zu eingeschlichenen Gedanken?

Ich will sagen, es liegt in meiner Natur begründet. Ich bin unvollkommen, fehlerhaft,
anders als erwartet.

Meine Gemachtheit ist eine Nachahmung. Wenn ich durch Haar streiche als wäre es
nicht verboten, hinterlasse ich leuchtenden Staub.

Den eigenen Text immer wieder neu lesen, das ist der Treibstoff, immer zu auf das
Habitat, heraustretend aus dem Irrtum des Geschlossenen.

Aus diesen Gefilden hat sich die verordnete Vernunft zurückgezogen, in die Lücke tritt das Ungeteilte in völlig neuer Gestalt. Hier werden uns einfinden, abseits des
Heimischen.

Fast schon kann ich spüren, wie der Raum sanft aufsetzt, sich an das Ufer schmiegt,
ein paar verlassene Häuser unter sich begräbt. Lass uns Krieg spielen.

Das Gezähmte wird hier keinen Platz mehr haben, die Rahmungen verschieben sich
nicht nur, sie schwinden.

Das Dämmern ist eine andere Form der Aufmerksamkeit. Ich greife kaum ein, vermittle
nur zwischen den Aggregatzuständen, wohlwollend und etwas neidvoll zugleich.

Immer öfter möchte ich mich den Schlafenden anschließen, mich zu ihnen legen
und den Raum sich selbst überlassen.

Man muss ja nicht ankommen, man kann doch auch stranden.

Dieser Raum ist ein Schiff, er fällt, sinkt, stromert.

Dieser Raum, abseits der üblichen Zeiten, gleitet entlang meiner Stimme.

(2016)